Serial Killer (2001)

Sechs große Objektkästen:
Fritz Haarmann
John Wayne Gacy
Dennis Nielsen
Ted Bundy
Son of Sam
Charles Manson

Ausstellungen:
Heart Gallery (Mannheim), Kunstverein (Worms), Subitoys Ladenprojekte (Erlangen und Ludwigshafen)


„Und mit mir rennen die Gespenster“
(Peter Lorre in M)

Serie: Eine Serie, das heißt in diesem Fall mindestens  drei zu verschiedenen Zeiten, um die Killer von den Familienvätern in den häuslichen Dramen unterscheiden zu können.

Rufnamen: Acid Bath Murderer, Arsenic Annie, Axemann of New Orleans, Bible John, Black-out Ripper, Boa, Boston Strangler, Candyman, Cannibal of Milwaukee, Gay Slayer, Gorilla Murderer, Kolja der Menschenfresser, Lipstick Murderer, Monster der Anden, Nilpferd, Pogo the Clown,  Red Demon, Rote Spinne, Sandmann, Schlange, Sex Beast, Son of Sam, Terminator von Tschernobyl, Trashbag Killer, Ungeheuer vom Schwarzwald, Zodiac Killer (kleine Auswahl).

Reiz: Der fürchterliche Reiz  der von den Mördern ausgeht, ist der, dass sie sich keinerlei Ordnung unterwerfen. Nur der perfekte Soziopath Hannibal Lecter  scheint dies jedoch verkraften zu können.

Statistik: Peter und Julia Murakami legen mit ihrem Lexikon der Serienmörder 450 Fallstudien vor. Das Buch ist eine empfehlenswerte Fundgrube voll unfreiwilliger Komik, aber nicht unbedingt eine seriöse Grundlage für eine Statistik. Wer trotzdem eine Auswertung vornimmt kommt zu folgenden Ergebnissen:
Serienmord ist ein Phänomen des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts. ( Dabei muß die sehr viel schlechtere Quellenlage und das Fehlen von Kriminalstatistiken mangels Durchleuchtbarkeit von Gesellschaft in vergangenen Jahrhunderten ebenso berücksichtigt  werden, wie die ehedem verbreitete Angewohnheit Geständnisse auf der Streckbank zu erzielen.).
Serienmord ist ein Phänomen  der westlichen Industriestaaten. Europa  und Nordamerika machen 2/3 der erfaßten Fälle aus. Die USA hält  den einsamen Spitzenplatz (ca. 200 von 450 Fällen), in Europa sind England und Deutschland besonders stark vertreten. (Auch hier sind, besonders mit Blick auf Afrika und Asien, starke Einschränkungen was die Quellenlage angeht angebracht.)
Serienmord ist ein männliches Phänomen. Weniger als 15% sind Täterinnen.
Serienmörder sind Einzeltäter. Nur etwa 5% der Morde wurden von Paaren, Freundeskreisen oder Familien verübt.
Murakami, Peter und Julia, Lexikon der Serienmörder. 450 Fallstudien einer pathologischen Tötungsart. München 2001

Aktentasche:  „Ein Mensch ist nicht viel - ein paar Aktentaschen voll Fleisch“, meinte Fritz Haarmann in seinem  Prozeß 1925.

Gacy:  In 6 Jahren  tötete der homosexuelle Bauunternehmer John Wayne Gacy 33 Männer und versteckte die meisten der Leichen im „crawl space“, dem niedrigen Belüftungskeller seines Hauses. Gacy nahm unter dem Namen „Pogo the Clown“ gerne an Wohltätigkeitsveranstaltungen teil. 1978 verhaftet und 1994 hingerichtet malte er in der Todeszelle erschreckend muntere Bilder von Clowns. Eine Gruppe wahnsinniger Todesstrafenbefürworter soll  seine Hinrichtung in Joliet/Illinois ebenfalls in Clownskostümen gefeiert haben. “Grillt den Colwn!“

Zufall: Auch einer der Angestellten John Wayne Gacys  Robin Gecht wurde zusammen mit anderen in den 80er  Jahren zum Serienmörder. Ein seltsamer Zufall.

Clowns: In den Augen der Kinder verbirgt sich hinter  der fröhlichen Maske des Clowns der Schrecken . Ob dieses Bild aus realem Geschehen ( Gacy) oder  filmischer Fiktion konstruiert wird ist unklar, jedenfalls scheint sich der Clown als Muster für den Kinderschänder anzubieten. So erleben wir an den Grundschulen immer neue Wellen der Hysterie die vom Phantom des Mörderclowns ausgehen.  Die jüngste Geschichte, sie spielt im Herbst 2000 erzählt die 8jährige Zoe:
An der Goethe-Schule werden in den Mädchen-Toiletten Reparaturarbeiten verrichtet. Ein rothaariger Installateur, wir stellen uns vor wie er mit einem Werkzeugkasten, einem grauen Abwasserrohr oder einem „Engländer“ durch das Treppenhaus läuft, gerät in den Verdacht ein „Mörderclown“ zu sein. Wir hoffen, dass der Unglückliche die angstvollen und geilen Blicke nicht bemerkt, als er in der großen Pause den Schulhof überquert. An diesem Montag oder Dienstag wird das Mädchenklo zur Schreckenskammer. Mit Filzstift hat jemand - ein schlechter Scherz und womöglich  einziger Ausgangspunkt der Geschichte -  „Mörder“ auf die Kacheln geschrieben.  Ein Echo des häßlichen kleinen Jungen aus dem „Dritten Mann“, der immerzu „Mörder, Mörder“ schreit. Jedenfalls die Schülerinnen weigern sich die Toilette zu benutzen, Tränen fließen und, Zoe versichert es glaubwürdig, eine Erstklässlerin pinkelt vor der Tür des Direktorats auf den Fußboden.
In einem anderen Fall, er liegt 3 oder 4 Jahre zurück, werden nach der Ausstrahlung eines Clown-Films auf RTL, in der gleichen Stadt Elternversammlungen einberufen und uniformierte Polizei versucht das Gefühl von Sicherheit vor den Schultoren zu verbreiten.

Zauberer: Ein Freund, der für seinen makabren Humor bekannt war, machte sich, wenn er mit seiner kleinen Tochter Spielplätze besuchte, zum Entsetzen der umsitzenden Mütter, gerne den Spaß eine Szene aus der Dürrenmatt-Verfilmung „Es geschah am hellichten Tag“ zu imitieren. Da steht schwarz und massig Gerd Fröbe im Wald und läßt mit kindischen Geräuschen den Kasper aus seinem Mantel herauskucken., um ein Mädchen zu locken. „Igele, Igele.“ Heinz Rühmann kommt gerade noch rechtzeitig zum Retten.

Sender: War es nicht der CDU-Politiker Klaus Töpfer der  sich in den 1990er Jahren mit dem Vorschlag hervortat Kleinkinder mit implantierten Sendern auszustatten, um sie im Fall von Entführung oder  Schlimmerem, sofort orten zu können?

Bahnhöfe: Die europäischen Großstadtbahnhöfe entstehen  in der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts. Ihre Vorderfronten, im  überladenen historistischen Stil gestaltet, spiegeln das Repräsentationsbedürfnis des Bürgertums. Hinter den Fassaden öffnen sich gewaltige Hallen, an die sich Galerien und Einkaufspassagen anschließen, über den Gleisen erschließt sich, in einer merkwürdigen Gleichzeitigkeit, die Moderne. Hier finden sich kühn gespannte Konstruktionen aus Eisen und Glas, die mit Neo-Barock und Neo-Renaissance brechen, aber noch  Elemente davon mit sich schleppen;  Zierat aus gusseisernen Fratzen, verstümmelte griechische Kapitelle, die Gaslampen tragen. Das Gelände hinter dem Bahnhof bleibt großräumig unerschlossen, Brachland, Platz für Rangierbahnhof, Gleisdreieck, Verschiebebahnhof. Hier und da finden sich halbwegs vergessene Baustellen, Abdeckplanen. Im Hintergrund die niedergetretenen Zäune von Schrebergärten.
Der Bahnhof ist ein Ort an dem Bewegung kurzfristig zum Stillstand kommt. Seine Atmosphäre hat etwas Flüchtiges, Nichtsesshaftes, Provisorisches. Es sammeln sich die Zuspätgekommenen und die Heimatlosen. Der Bahnhof gebiert Unordnung, um ihn herum entsteht das Bahnhofsviertel, mit Bierschwemmen und billigen Hotels.
Nehmen wir die Zwanziger Jahre. Einen Stummfilm: Etwas zu schnell laufende Menschen, Pferdefuhrwerke, Autodroschken, mit Kordel zusammengebundene Pappkoffer, Männer mit Hut. Auf dem Bahnhof wird gehandelt: mit Uhren, Dollars, gebrauchten Kleidungsstücken, Eiern und Fleisch. Bahnhofsmilieu - Haarmanns Milieu. (Auch Andrej Tschikatillo, der Würger von Rostow (über 50 Morde) und andere suchten ihre Opfer an Bahnhöfen).

Bahnhöfe 2: Der englische Serienmörder Colin Ireland konnte 1993  durch die Aufzeichnungen einer Videokamera, die ihn zusammen mit seinem fünften und letzten Opfer zeigten, auf dem Londoner Bahnhof  Charing Cross gestellt werden.
 
Chaostage: Begründungen für Platzverweise anläßlich der Chaostage 1996 in Hannover:
„Punkerähnliches Aussehen. Angeblicher Aufenthaltsgrund: Urlaub in Hannover.“ (1.8.96)
„Zugehörigkeit Punkszene. Der W. wurde mit neun anderen auf dem Bahnhof Hannover angetroffen.“ (27.7.96, 14.40 h) Bei solcher Beobachtung werden  die verwahrlosten Jugendlichen von heute nicht so schnell einem Haarmann in die Hände fallen
 Gössner, Rolf, Big Brother & Co. Der moderne Überwachungsstaat in der Informationsgesellschft, Hamburg 2000, S.92.

Haarmann: „Der Kaufmann Fritz Haarmann aus Hannover ist heute Vormittag, 6 Uhr hingerichtet worden“. (Aushang am 15.April 1925). Haarmanns Opfer (mindestens 26 junge Männer und Knaben) waren jugendliche Ausreißer die er am Hannoveraner Hauptbahnhof auflas und denen er beim Liebesspiel in seinem Bett im sexuellen Rausch die Kehle durchbiss. Haarmanns Leben ist durch Literatur und Film vielfach medial inszeniert worden, wie so oft geraten  die Konturen dadurch eher ins Verschwimmen. Fest steht, dass der mehrfach wegen Eigentums- und Sexualdelikten vorbestrafte Fritz im Milieu der Altstadt einen Handel mit Kleidern, Fleisch und anderen Dingen betrieb und  für die hannoversche Polizei als Spitzel und Zuträger arbeitete. Seine Opfer hat er sachkundig zerlegt, die Zutaten seiner Würste und Sülzen werden aber für alle Zeiten ein Geheimnis bleiben.

Hackebeil: „Warte, warte nur ein Weilchen,
dann kommt Haarmann auch zu dir,
mit dem scharfen Hackebeilchen,
macht er Hackfleisch  dann aus dir.“
„Fuffzichmal hab ich den verdammten Gören gesagt sie sollen das verdammte Lied nicht singen“ heißt es in der Anfangssequenz von Fritz Langs „M- eine Stadt sucht  einen Mörder“. Dort allerdings ist  „Haarmann“ durch „Schwarzer Mann“ ersetzt. Berlinerisch  wird an gleicher Stelle „Hackfleisch“ als „Schabefleisch“ bezeichnet, in anderen Landesteilen ist auch die Version „Leberwurst“ üblich.  So ist das bei Volksliedern.

Menschenfleisch 1: Zwei „schwarze Männer“ in Baströckchen und mit Knochen im Haar stehen an einem Suppentopf in dem ein weißer Mann mit Tropenhelm sitzt und machen einen Bilderwitz.

Menschenfleisch 2 : Jeffrey Dahmer tat es, Papa Denke, ein etwas einfältiger älterer Herr, der in den zwanziger Jahren Handwerksburschen schlachtete tat es auch, von einem gewissen Cypka  wird berichtet, eine Komplizin habe ihm besonders wohlgenährte Opfer zugeführt. „Ich hab davon probiert, aber es hat mir nicht geschmeckt“, sprach in den siebziger Jahren Joachim Kroll, der Menschenfresser von Duisburg. Verwurstelt sollen Haarmann und Karl Großmann (1863-1922)ihre Opfer haben. Oft kommt es aber nicht vor.
Urbane Legenden: Im Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit - gleiche Geschichten werden in anderen Städten in anderen Krisensituationen erzählt - sollen junge Frauen und Männer von einem Unbekannten angesprochen worden sein, um gegen Entgelt einen Brief in die Wurstfabrik zu bringen. Einer der Boten  öffnet den Umschlag und muß lesen: „Das ist die letzte Lieferung für heute“.
Rolf Wilhelm Brednich, Die Maus im Jumbo-Jet: Neue sagenhafte Geschichten von heute, München 1991.

Zwerge und so: Warum werde ich zum Serienmörder? Nichts ist einfacher als diese Frage zu beantworten puzzelt man einige Zitate zusammen. Wir zitieren freizügig aus dem „Lexikon der Serienmörder“.
„Fünf Menschen mussten ihr Leben lassen, weil Dimitris Vakrinos unter Minderwertigkeitskomplexen litt. Denn mit 1,54 Metern Körpergröße war der Grieche nicht der größte seiner Art.“
Über den 4-fachen Frauenmörder Fritz Honka: „ Die Frauen verkehrten zu Lebzeiten  in der nahe der Reeperbahn gelegenen Kneipe „Zum goldenen Handschuh“, die in den 70er Jahren als Sammelbecken für jene galt, die in der Glamourwelt des Rotlichtviertels St Pauli keinen Platz mehr hatten. Auch Honka, der nicht nur durch seine Körpergröße gehandikapt war, sondern auch extrem schielte, war dort regelmäßig zu Gast.“
Über Hubert Geralds, 1997 wegen sechsfachem Frauenmord verurteilt: „Bei seinem Prozeß bezeichnete ihn der Staatsanwalt als häßlichen kleinen Bösewicht.“
Über Charles Howard Schmied, den „Rattenfänger von Tuscon“ (3 Morde, im November 1965 verhaftet): „ Seine Größe von knapp 1,60 Metern versuchte er mit zahlreichen Affären, sowie dem Image des  „Bösen Buben“ und Rebellen zu kompensieren.“
Über John Joseph Joubert 1984 wegen 3fachem Mord verurteilt: „Der nur 1,65 Meter große Radartechniker war zuvor als Zeitungsausträger beschäftigt gewesen und war Leiter einer  Pfadfindergruppe.“
Galt die Kleinwüchsigkeit bislang als eher freundliche Anomalie, wird dies wohl durch die hier aufgeführten Tatsachen ins Gegenteil verkehrt. Allerdings  führt gelegentlich auch eine stattliche Körpergröße, gepaart mit auffälligem Verhalten zur Entdeckung von Massenmördern. Über  den 6fachen Mörder Wolfgang Sch., genannt der „Rosa Riese“ oder die „Bestie von Beelitz“heißt es: „ Schließlich gelang es zwei Joggern Sch. zu stellen, nachdem ihnen der über 1,90 M große Mann im Wald aufgefallen war, der einen BH über dem T-Shirt trug und onanierte.“

Kino: Bei einer nicht-repräsentativen Umfrage im Freundeskreis lassen  sich fiktive und reale Serienmörder nur sehr schwer auseinanderhalten. Die Filmbösewichter, allen voraus Norman Bates (Psycho) und Hannibal Lecter, erweisen sich aber als populärer. Wer kennt heute schon noch Heinrich Pommerenke, das Ungeheuer vom Schwarzwald,  den ausgerechnet der Anblick der leicht bekleideten Frauen  in dem Film „Die 10 Gebote“ zum Morden anregte.

Einsame Häuser: Norman Bates Hotel und die Häuser von Francis Dollarhyde und Jame Gumb in den Romanen von Thomas Harris liegen abseits vom Weg. In den Märchen sind es  Wanderer die auf  einer Lichtung im Wald auf das Haus der  Hexe stoßen, oft scheint das Böse zunächst eine lockende Oase zu sein.
Harris, Thomas, Roter Drache, München 1991.
Harris, Thomas, Das Schweigen der Lämmer, München 1994.

Einsame Städte: Die Mörder der Moderne leben in der Nachbarschaft, in den Wohnschachteln der Städte. Mit welcher Lautstärke zerklopfte Haarmann eigentlich Schädel um Schädel auf dem Fußboden seines Zimmers?

Männlichkeit: „Um sich in seiner Männlichkeit zu bestätigen“, legt sie fröhlich los, „begnügt sich der Mann nicht mehr mit der einfachen Penetration. Er fühlt sich in Wirklichkeit ständig bewertet, beurteilt, mit anderen Männern verglichen. Um dieses Unbehagen zu verjagen, um Lust verspüren zu können, muß er seine Partnerin heutzutage schlagen, erniedrigen, demütigen;  er muß spüren, dass sie ihm völlig ausgeliefert ist. Man beginnt übrigens dieses Phänomen auch bei Frauen zu beobachten“, schließt sie lächelnd.
Michel Houllebeqc, Was suchst du hier? in: Die Welt als Supermarkt, Köln 1999.

Die Frau - das Beil: „Lizzie Borden mit dem Beil“ soll, es mag zur Jahrhundertwende gewesen sein, in den USA ihre Eltern mit der Axt erschlagen haben. Obwohl letztlich freigesprochen gelangt Fräulein Borden als Mörderin zu Ruhm greift sie doch, alle stereotypen männlichen Vorstellungen von der Frau als Giftmischerin - die Schlange - durchbrechend, vielleicht von altem Pioniergeist beseelt, zum Werkzeug des Mannes, der Axt.
Frauen  beseitigen im Normalfall aus Überdruß oder Habgier  eine Reihe von Ehemännern oder andere Verwandte im häuslichen Umfeld. Viele der  Morde, die auf diese Weise von Frauen verübt wurden, fallen ins 19. und frühe 20.Jahrhundert;  gewisse Fortschritte in der materiellen Unabhängigkeit der Frauen wirken sich hier segensreich aus. Eine andere Kategorie bilden die Angehörigen von Pflegeberufen,  Krankenschwestern, Altenpflegerinnen, Kinderhüterinnen, die ebenfalls zum Teil  nach finanziellem Vorteil strebend, häufiger noch unter dem Vorwand der „Menschlichkeit“ ihre Schutzbefohlenen töten. In diesem Fall unterscheiden sie sich, von einer breiteren  Verteilung von Frauen in diesen Berufsständen abgesehen, nicht von ihren männlichen Kollegen, Krankenpflegern und Ärzten also, deren sich wiederholende Mordlust  um ein Vielfaches die von Feuerwehrleuten oder Metzgermeistern übertrifft.

Kanüle: Tötet der klassische männliche Serienmörder aus sexueller Gier existiert daneben ein Bereich, den man als Mord aus günstiger Gelegenheit bezeichnen kann.  Getötet wird da am häufigsten, wo die Umstände es erlauben, wo es zur greifbaren Möglichkeit wird. Sind Tatwaffen wie Spritzen oder tödliche Medikamente zur Hand, ist das Opfer schwach  und wehrlos  und läßt sich gar noch eine quere moralische Legitimation (Erlösung) zusammenbrauen  gedeiht der Mord prächtig.  Erwähnenswert sind  hier  die Taten  des New Yorker Krankenpflegers Richard Angelo (verhaftet 1987), der ausgestattet mit einem verrückten Helfersyndrom  und geil auf Anerkennung seine Patienten mittels verschiedener Injektionen an den Rand des Todes brachte, ausschließlich mit der Absicht sie zu reanimieren, was in mindestens 20 Fällen daneben ging.

Krieg: Die unmittelbare Konfrontation mit dem Tod, die permanente Bereitstellung der Tatwaffen und die Stigmatisierung der Opfer läßt einen unmittelbaren Sprung vom  Krankenbett zum Schlachtfeld zu. Häufungen von Serienmorden nach den großen Kriegen, in Deutschland kommt es nach dem 1. Weltkrieg zu den spektakulären Fällen von Haarmann, Karl Großmann und Peter Kürten, dem Vampir von Düsseldorf, lassen  ahnen wie schwer es der gesellschaftlichen Maschine fällt vom legitimierten und legalen Töten im Krieg wieder umzuschwenken, die freigelassene Bestie zu bändigen, moralische Kategorien in kürzester Zeit wieder neu zu bestimmen.  „Alle Maschinen  zurück“, rufen die Kapitäne, da knarrt das Getriebe.

Körnung: Nimmt man an, eine aus Triebregulierung, Sublimation, Gesetz und Moral gebildete Struktur bilde eine glatte Oberfläche, so erscheint der Mord wie eine körnige Erhebung auf dieser polierten Platte, die etwas über den Untergrund  aussagen kann. Die geringe Häufung der Fälle läßt aber eine definitive  Aussage über den Zusammenhang von Serienmord und gesellschaftlichen Zuständen weit weniger zu als etwa die Zahl der Selbstmorde oder der Verkehrstoten.

Dennis Nilsen: Der Brite Dennis Andrew Nilsen strangulierte zwischen 1978 und 1983 sechszehn junge Männer. Nach einer Laufbahn als Berufssoldat und Koch bei der britischen Armee und einem kurzen Intermezzo als Polizist  war er viele Jahre bei der Londoner Arbeitsvermittlung beschäftigt. Er kann als sozial engagiert bezeichnet werden und war bei der Organisierung gewerkschaftlicher Streiks aktiv.  Nilsens Morde wurden dadurch entdeckt, dass durch heruntergespülte Fleischteile die Abwasserrohre eines Mietshauses verstopft wurden  Seine Bestrebungen gingen dahin einen Partner zu finden, die leblosen Körper seiner Opfer, die ihn auch sexuell erregten, bewahrte er möglichst lange auf, er badete mit ihnen, setzte sich mit ihnen auf die Couch und sah mit ihnen fern. Gier und Einsamkeit bestimmten das Leben  von Des Nilsen, der auch gerne Gedichte schrieb.

Geruch: Erst im zweiten Drittel des  20.Jahrhunderts  wird der  Geruch der toten Körper zu einem der Hauptprobleme der Serien-Mörder. Fritz Honka, Dahmer und Nilsen verbrauchen Unmengen von Fichtennadelspray, Toilettensticks und Wunderbäumchen um sich zu schützen. Zuvor war der Gestank des Totes alltäglicher, schwerer herauszuriechen  aus einem intensiveren Ensemble menschlicher und tierischer Gerüche. Gebt acht auf häufig geöffnete Fenster, süße Kinder.

Gülle: Ein einziges Mal packte mich selbst die nackte Angst einem Kindermörder in die Hände gefallen zu sein, als Großvater den damals vielleicht sechsjährigen  Buben alleine (!) in den Wagen des fremden Güllefahrers setzte, der unsere eigene Jauche auf unseren eigenen Acker spritzen sollte. Der Mann hielt dann noch im Feld an um Nüsse zu stehlen (!). Welche Angst, welcher Gestank.

Bundy:  Theodore (Ted) Robert Bundy wird als intelligent und gutaussehend beschrieben und hatte offensichtlich keine Probleme Kontakt mit Frauen aufzunehmen. Etwa 50 überwiegend weiße junge Frauen mit Mittelscheitel wurden  von ihm getötet. Bundy konnte zweimal aus dem Gefängnis fliehen und seine Taten fortsetzen.  Am 24.Januar 1989 wurde er auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet  Bis zu seiner Volljährigkeit soll Bundy  vorgegaukelt worden sein, die Frau die ihn großgezogen habe sei nicht seine Mutter, sondern seine Schwester. Na dann.

Amerikanische Gefängnisse:  Nochmals Statistisches: Dies geschah Serienmördern in Gefängnissen der Vereinigten Staaten von Amerika: Juan Corona wurde das linke Auge ausgestochen. Albert de Salvo, der „Boston Strangler“ wurde 1973 erstochen, Charles Howard Schmied wurde 1975 durch mehrere Messerstiche tödlich verletzt. Donald Leroy Evans wurde 1999 ebenfalls von einem Mithäftling erstochen. Jeff Dahmer wurde am 28.November 1994 im Hochsicherheitsgefängnis mit einer Hantelstange erschlagen. Zustände sind das!

Son of Sam: David Richard Berkowitz fühlte sich von einem Dämon beherrscht, der angeblich im  schwarzen Hund seines Nachbarn hauste. Berkowitz, der zuvor eine große Zahl von Bränden gelegt hatte, erschoß  in den Jahren 1976 und 1977 in New York sechs Menschen, und verletzte eine Reihe weitere, mit einem großkalibrigen Revolver. Seine Opfer waren überwiegend  Liebespaare, die in parkenden Autos saßen.  „Son of Sam“ hinterließ bei seinen Taten Botschaften („Ich komme wieder!“)  und nahm Kontakt zur Presse auf, was seine Popularität enorm steigerte und New York in Angst und Schrecken versetzte. Er wurde zu 365 Jahren Gefängnis verurteilt.

Kampfhunde: These: Eine Hauptlinie über die in der gegenwärtigen Gesellschaft  Herrschaft ausgeübt wird  ist die der permanenten  Skandale, Kampagnen und der zunächst medialen manchmal auch realen Ausnahmezustände. Schweinepest, Kinderpornographie, Kampfhunde und ein getötetes Mädchen, immer öfter heißt es „Wo warst du, Gott?“ (Bild). So konstituiert sich Massenbewußtsein und so werden Grundlagen für veränderte Moralbegriffe ebenso wie für Gesetzesänderungen gelegt.

Fahndungsplakat: Auf Plakaten, die nach dem Verbleib der 7-jährigen Sylvie forschen und die eine hohe Belohnung für die Auffindung des Mädchens ankündigen, tauchen eine Reihe von Unternehmen, darunter eine Bank und ein Automobilkonzern, als Sponsoren  auf. Das ist neu .



Literaturempfehlungen: Über Serienmörder wird sehr viel und meistens sehr schlecht geschrieben. Wer sich intensiver mit Einzelfällen beschäftigen will dem seien Theodor Lessings Haarmann Studie und die beiden Bücher von Brian Masters über Des Nilsen und Jeffrey Dahmer empfohlen.
Lessing, Theoder, Haarmann: Die Geschichte eines Werwolfs, München 1995.
Masters, Brian, Leblose Liebhaber, Reinbek bei Hamburg 1994.
Masters, Brian, Todeskult: Der Fall Jeffrey Dahmer, Reinbek bei Hamburg 1995.



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